Tag 1 in Mexiko

Beitragstitel vom 1. Tag in Mexiko

Am Montag, dem 23.07 hieß es mal wieder viel zu früh aufstehen, um verschlafen zum Frühstück vom Hostel zu torkeln. Wie schon am Tage zuvor gab es fluffige, ungesüßte Pfannkuchen mit Karamellcreme, eine Scheibe warmen Toast und den guten Honigtee. Letzteren hatte Joanne dankenswerterweise für mich besorgt, weil seit einigen Tagen mein Hals solche Faxen machte, dass meine Stimme den Geist aufzugeben drohte. Ein Umstand, der sicher mehr den anderen als mir zu schaffen machte, wurde es doch so immer schwieriger meinen fantastischen Witzen zu lauschen.

Die Rückseite der Kathedrale am Zócalo in Mexiko-Stadt

Die Rückseite der Kathedrale, wie man sie von der Terrasse unseres Hostels aus sah.

Nach dem Frühstück machte ich mich zusammen mit Sophie und Maira auf den Weg zur nur einen Katzensprung entfernten Kathedrale mit dem knappen und eingängigen Namen „Metropolitana de la Asunción de María de la Ciudad de México”. Schon vor der Kathedrale hatten wir eine transzendentale Erfahrung: Ein entgegenkommender Mann begrüßte uns mit seiner fachmännischen Einschätzung: „Oh, Sexy, Sexy,“ während er uns mit breitem Grinsen stolz seinen Bauchnabel präsentierte. Wahrscheinlich weil es an diesem Tag extrem heiß war. Habe ich schon erwähnt, dass es heiß war? Es war superheiß und da half es nicht gerade, dass der dazu gestoßene Guide David uns die Geschichte der Kathedrale und des Zócalo-Platzes unter dem unbarmherzigen Schein der gleißenden Sonne erzählte.

Weil Nadja und Danilo gerade auf einer Odyssee waren, um einen mit der Ijel-Karte kompatiblen Bankautomaten zu finden, musste Tom ran und den Schwall des Guides übersetzen: ‚Der Platz, an dem die Kathedrale steht, heißt übrigens Zócalo, weil dies „Sockel“ bedeutet. Der Sockel war nämlich lange Zeit das Einzige, was von der 14 Tonnen schweren Pferdestatue übriggeblieben war, die eines Tages auf dem Platz gestellt wurde, bevor sie einen Tag später geklaut wurde. ‘

Der Zócalo-Platz war der tägliche Treffpunkt des Austausches in Mexiko-Stadt.

Der Blick von Süden her auf den Zócalo-Platz, auch Plaza de la Constitución genannt.

Dieser und vielen anderen Episoden der interessanten und oft auch blutrünstigen Geschichte rund um den Platz, die Kathedrale und einen gewissen Hernán Cortes, hörte ich nur mit einem halben Ohr zu, war der Rest doch damit beschäftig, ein dumpfes Dröhnen an mein Gehirn zu senden.

Laut Leo freute sich diese Orgel sehr uns zu sehen.

Schon bald waren wir im Inneren des Gotteshauses angelangt und bewunderten die zwei riesigen und aufwendig dekorierten Orgeln, die ein Musterbespiel für die verspielte Verzierung des Spätbarrock darstellten. Wo man auch nur hinschaute, empfang einen der Glanz der in einer speziellen Gold-Silber-Messing-Legierung gefassten Ornamente, welche im Kontrast der eher schlichten Säulen noch eindrucksvoller wirkten. Nur mussten man drauf achten, sich beim Umschauen nicht allzu sehr umzudrehen, war es doch verpönt, den Altären den Rücken zuzuwenden. Was sich angesichts der sieben Messestätten als etwas verzwickt herausstellte.

Der Tempel Mayor war der größte Tempel der einstigen aztekischen Hauptstadt.

Am Rande der Ruinen kratzte sich Tom am Ohr, während Malte genüsslich die Augen schloss.

Von der Kirche ging es zum „Templo Mayor“, dem wichtigsten und größten Tempel der einstigen aztekischen Hauptstadt. Dieser war an dem Tag für Führungen leider gesperrt. Unserem redefreudigen Guide tat dies aber keinen Abbruch und so erzählte David uns am Rande der Ruinen allerhand, während sich die Sonne unheilvoll ihren Zenit nährte und sich mein rechtes Ohr druckvoll zu Wort meldete: Ein Gefühl, wie man es aus Flugzeugen kennt, breitete sich nämlich allmählich in meinem rechten Hörorgan aus. Doch hörte ich noch genug, um der Aufforderung Folge zu leisten, uns zur Schmuckstraße zu begeben. Dort prasselten weiter interessante Fakten auf uns ein – dank Toms Simultanübersetzung sogar in zweifacher Ausführung.

Am Tor des Reichspalast in Mexico-Stadt

Bei gefühlten 3000 ° war es rückblickend betrachtet wohl nicht die beste Idee schwarze Oberteile anzuziehen.

Die nächste Station war der Reichspalast, den Angela auf Deutsch als „Reitpalast“ vorstellte. Leider gab es dort weder Pferde noch Pfade zum Bauwerksinneren.  Besuchern verwehrten Zaun und Soldat den Gang ins Innere, wo Gemälde uns empfangen hätten.

Vor der Kapelle Templo de Sa Felipe Neri – La Profesa" in Mexiko-Stadt, brannte uns die Sonne die Köpfe rot.

Im Innenhof der Kapelle „Templo de Sa Felipe Neri – La Profesa“ lauschten wir den Ausführungen des Guides.

Also nahmen wir etwas früher als geplant den nächsten Programmpunkt in Angriff, was mir nur Recht war, hatte sich doch mittlerweile zum Druck ein Stechen im Ohr hinzugesellt, das von einem konstanten Rauschen abgerundet wurde. Unser Weg führte auf einer der vielen Flanier- und Spazier-Meilen entlang, wo sich Bekleidungs- an Bespeisungs-Geschäft reihte. Neben einem der zahllosen Starbucks befand sich eine der ältesten Kapellen Mexiko-Stadts, dessen Graben an das Boden-Niveau vergangener Tage erinnerte.

Danilo posiert vor dem Schild des Lokals und weiß nicht was er davon halten soll.

Viel erzählte uns David und nur wenig vernahm ich, nahm mich doch ein noch namenloser Schmerz ein, der alsbald durch einen der besten Doktoren ganz Mexikos getauft werden sollte. Bevor dies geschah, sah das Programm jedoch vor, in einem edlen und genauso teuren Lokal den Durst mit wässrigen Kaffee und warmen Wasser zu stillen.

In dem fancy Lokal in Mexiko-Stadt entgleisen am Kopfende des Tisches die Gesichtszüge.

Schaut man genau hin, kann man am Tischende die Bestürzung über den überraschenden Gesprächsverlauf erkennen.

Als dort die Schmerzen im Ohr einen unerträglichen Pegel zu erreichen drohten, zauberte Anita zum Glück zwei Pillen aus ihrer Tasche hervor. Die 400 mg schweren Ibuprofen-Bomben aus Übersee wirkten Wunder und so weichten bald die Schmerzen einem dumpfen Gefühl der Taubheit. Beruhigt nippte ich alsbald an meiner Wasserflasche und lies sogar ab und zu erleichtert ein Lächeln über die Lippen zucken, während sich am Tischende Moni und Leo aufgeregt mit dem Guide unterhielten. Wie sich später herausstellen sollte, gab es beim Wortwechsel jeden Grund zu Aufregung, offenbarte David doch seelenruhig und überzeugt seine verqueren Ansichten über Deutschlands politische Vergangenheit. Ein Umstand, der nicht nur erschütternd, sondern auch bedauerlich war, hatte er doch bis dahin einen kompetenten und sympathischen Eindruck gemacht. Aber von alledem ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nichts. Und so freute ich mich immer mehr, den Tag wieder genießen zu können, während mein nimmersatter Magen sehnsüchtig dem Essen entgegenfieberte.

Nein, Tom, Tu es nicht!!! Die ist doch super scharf!!!

Dies sollte, wie konnte es in diesem fantastischen Land auch anders sein, extrem üppig und schmackhaft sein. Was genau diesmal auf meinem Teller landete, weiß ich nicht mehr. Was ich aber weiß ist, dass es gut war. Gut war auch die Stimmung am Tisch, als die farbenfrohen Fruchtwasser reihum die Runde machten.

Gesättigt und gestärkt waren wir bereit, die nächste Etappe anzugehen. Nur hatte Iyari andere Pläne. Mein Ohr bereitete ihr Sorge und so gingen wir zusammen mit Nadja zum Arzt. Dieser wartete günstiger Weise gegenüber vom Restaurant vor seiner Apotheke. Scheinbar war er beste Laue, konnte er einfach nicht anders, als immerzu seine Hüfte in eleganten, kreisenden Bewegungen zu schwingen, während er grinsend seine Wohlstandsplauze hielt. Ein wahrlich befremdliches und zugleich einladendes Schauspiel – wie der Medicus mit Schnurrbart und Halbglatze auf offener Straße tanzte.

Als wir die vielbefahrene Fahrbahn überquerten, wurden wir plötzlich Zeugen eines ungeahnten Wechsels seiner offensichtlich akribisch ausgearbeiteten Choreografie. Aus dem ausladenden Hüftschwung ging der Mittsechziger gewandt in eine tanzende Huldigung des modernen Mobilfunks über: Seine Hände schwebten zu seinem Schnurrbart und formten dort vibrierende Handys, die entlang seines rundlichen Gesichts auf- und abwanderten. Es war Kunst! Dies sah auch ein vorbeigehender Käppi-tragender Einheimischer so, der als Zeichen seiner Anerkennung den abzappelnden Arzt einen gediegenen Ghettocheck gab.

Mittlerweile waren wir im Wartezimmer angelangt, was praktischerweise keine Außenwand besaß und uns so nicht den Blick auf den Doktor verwehrte, der, wie wir bald erfahren sollten, noch besser behandeln als er tanzen konnten. Nachdem seinen eindeutig weniger Rhythmus-affinen Kollegen im Schichtwechsel ersetze, empfing uns der Herr in seinem kleinen aber gutausgerüsteten Behandlungszimmer.

Während Nadja seine gemurmelten Erläuterungen übersetzte, wurde ich in Windeseile untersucht: die Brust wurde belauscht, der Rachen betrachtet und die Ohren beleuchtet. Sogleich folgte die mit schwungvollen Armbewegungen vorgetragene Diagnose:

Dr. Simis Diagnose

Ein schwerer Schlag, den das Heilmittel auf dem Fuße folgte:Ich verschreibe Ihnen täglich jeden Morgen zwei Stunden Bauchtanz.“  Dr. Simi, wie er sich nannte, war ein wahrer Kenner. Denn kaum machte ich im Wartezimmer mit Unterstützung der beiden Damen die ersten Hüftschwünge zur Probe, wurde aus dem Krebs, wie aus Wunder, eine harmlose Mittelohrentzündung.

Zum Abschied gab uns Dr. Simi noch einen Zettel in die Hand, auf dem wohl die Hieroglyphen einer längst vergangenen Zivilisation geschrieben waren. Leider blieb keine Zeit mehr, diese zu entziffern, verlangte der Programmplan doch nach Eile. Hatte der Besuch beim wohl besten Doktor der Welt nämlich nicht nur 35 Pesos, sondern auch kostbare Zeit gekostet.

20180723_193343 Godel Spaß in den Kanälen Mexiko-Stadts

Die Gruppenleiter gehen am Abend mit gutem Beispiel voran.

Beschwingt von der prägenden Begegnung mit dem Arzt aller Ärzte, kamen wir nach einer langen und engen Busfahrt bei den Kanälen „Xochimilcos“ an. Dort stiegen wir in eine der zahlreichen buntbemalten Gondeln. Die Idylle des Wassers war eine willkommene Abwechslung zum Gewusel der Großstadt. Doch noch willkommener war das kühle Bier, was in einem Eimer voller Eiswasser auf dem Boot auf uns wartete. Bekömmlich war es für Leib, Seele und die geschundene Kehle. Doch noch besser war der rötliche Gerstensaft mit Zitronennote und Salzrand, den uns eine entgegen gondelnde Händlerin verkaufte. Einen ganzen Liter davon trank ich an diesem Abend auf dem gemächlich dahingleitenden Gefährt. Und so war es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass ich, als wir dann endlich um 11 Uhr abends im Haus unserer Gastfamilie ankamen, sogleich wie ein Stein einschlief.


Von Marco Pieper

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